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Bevölkerungswachstum als Motor der Weltwirtschaft



Wenige aktuelle Probleme entziehen sich so hartnäckig dem populären Verständnis wie das Bevölkerungswachstum. Vom europäischen Fernsehsessel aus betrachtet erscheint das Wachstum der Bevölkerungen in den ärmsten Ländern und ärmsten Schichten der aufstrebenden Länder als ein schreckliches Unglück, das den Lebensraum, die Umwelt und die Nahrungsversorgung schädigt, zu Verelendung, Verbrechen, Kriegen, Flüchtlings- und Migrantenströmen führt.

Vom Standpunkt eines Elternpaars in einem armen Land aus betrachtet, präsentiert sich die Vermehrung der Familie als ein Erfolg. Jedes Kind, das die ersten, gefährdetsten Jahre überlebt hat, beweist, dass es genug Nahrung fand, dass es keinem Krieg und keiner Krankheit zum Opfer fiel. Die Qualität des Kindes (Ermährungsstand, Gesundheit, Bildung) nimmt hinter dem Erfolg des blossen Überlebens einen niedrigeren Rang ein.

Je ärmer Menschen sind, desto wichtiger werden für sie Kinder als Humaninvestition und als emotionales Konsumgut. Das Wachstum der ärmsten Bevölkerungen bedeutet deren Investitionen in den humanen Kapitalstock. Rasch wachsende Bevölkerungen fühlen sich wohlhabender werdend, nicht verarmend, obwohl effektiv ihr pro-Kopf-Einkommen zurückgehen mag.

Die erste Phase der Humaninvestition ist eine quantitative: mehr Kinder, nicht notwendigerweise bessere Kinder. Damit wiederholt sich spiegelbildlich die Kapitalakkumulation der reichen Länder. Zunächst wurde quantitativer Wohlstand angestrebt: mehr Autos, grössere Autos, mehr Schweinshaxen, grössere Schweinshaxen.

In der zweiten Phase ist der quantitative Bedarf an Nachwuchs gesättigt und es wird in Kinderqualität investiert. Gesündere, besser ernährte, besser ausgebildete Kinder. In den reichen Ländern wird nun die qualitative Komponente des Kapitalstocks vor der quantitativen betont. Man wunscht nicht mehr, sondern bessere Autos und magere Bio-Schweinshaxen.

Was die demografische Entwicklung anlangt, so wiederholt sich heute in armen Ländern, was in den reichen Ländern um 1750 begonnen hatte. Damals kam durch hygienischen Fortschritt das lange stagnierende Bevölkerungswachstum in Gang, hielt durch das 19. Jahrhundert an und kulminierte zwischen 1870 und 1920 mit Phasenunterschieden von Land zu Land. Um die Jahrhundertwende war der quantitative Bedarf gesättigt: Familien mit vier bis sechs Kindern waren in Europa und Nordamerika die Regel.

Damit verlagerte sich die Humaninvestitionsneigung der Eltern allmählich auf qualitative Aspekte. Das Verständnis für die Kindheit als ein besonderer, schützenswerter Altersabschnitt machte sich breit. Der Ersatz der Bibel- und Sonntagsschulen durch öffentliches Schulwesen und Schulpflicht bedeutete einen Meilenstein in der Verbesserung der Kinderqualität.

In den Entwicklungsländern von heute begann das Wachstum der Bevölkerungen erst um 1950, verlief aber viel schneller als in Europa und Amerika. Allmählich zeigen sich jetzt Zeichen der quantitativen Sättigung, vor allem in Lateinamerika und Teilen Asiens, während im größten Teil Afrikas und in vielen islamischen Ländern die Sättigung noch nicht erreicht scheint. Folglich ereignet sich der Übergang zur qualitativen Verbesserung des Nachwuchses mit grossen Phasenunterschieden zwischen Ländern und Regionen.

Niemand weiß, ob und wann die quantitative Sättigung in Afrika und bei den Moslems je erreicht wird. Alle Projektionen des Bevölkerungswachstums, selbst die respektierten der Vereinten Nationen, können in dieser Hinsicht nur spekulieren. Vielleicht werden in manchen Ländern sozio-kulturelle und religiöse Faktoren noch lange eine Sättigung vor dem Erreichen der malthusischen Grenzen (bei Th. R. Malthus "checks" genannt) von Hungersnot, Seuchen und Krieg verhindern.

Mit Mut und unter grossen Opfern ziehen die Menschen in armen Ländern ihre Kinder auf, vor allem die alleinstehenden Mütter. Diese Opfer schlagen sich durchaus im Sozialprodukt nieder. Selbst wo große Armut herrscht, wächst das Sozialprodukt fast im Gleichschritt mit der Bevölkerung, so dass der Rückgang des Pro-Kopf-Produkts geringer ausfällt als die Rate des Bevölkerungswachstums. Manche Regierungen sehen diese Kombination von demografischer und wirtschaftlicher Zunahme gerne als Beweis erfolgreicher Politik.

Dass bei dem Kampf für den Fortschritt des Einzelnen die Allmende (commons), nämlich die Ressourcenausstattung und die Umwelt, leidet, ist dem Einzelnen zunächst nicht erkenntlich. Dieser Mikro/Makro-Konflikt ist allen Gesellschaften eigen, nicht nur den ärmsten.

Analog zur Umweltschädigung durch Industrialisierung und ressourcenverschleudernden Konsum in reichen Ländern beeinträchtigt das Bevölkerungswachstum die Umwelt in armen Staaten. Ausdehnung der Landwirtschaft auf nur vorübergehend fruchtbare Grenzböden und in Urwaldgebiete; Ausbeutung von endlichen Grundwasserressourcen durch schlecht geeignete Bewässerungsmethoden; Erosion und Nährstoffverlust der Böden; Überweidung, Überfischung und Wilderei; Verlust wertvoller Böden durch Siedlungswachstum und Verseuchung durch Fäkalien oder Versalzung — die Umweltfolgen des Bevölkerungswachstums können in fast allen Entwicklungsländern eindrucksvoll besichtigt werden. Als Ergebnis leiden die Länder unter Massenflucht in die Städte und ins Ausland, Verarmung bei steigendem Bildungsstandard, rascher Ausbreitung von Seuchen wie Aids und stark zunehmender Kriminalität.

In manchen Gebieten gestaltet sich der Konflikt Bevölkerung/Umwelt mittlerweile so dramatisch, dass periodische Hungersnöte wie in Äthiopien das malthusische Gleichgewicht wieder herstellen, oder dass mörderische Bürgerkriege wie in Rwanda, Sudan und Kongo ausbrechen. Unfähige und mitunter böswillige Regierungen nehmen die malthusischen Opfer gleichgültig oder gar billigend hin.

In anderen Ländern hat brutale Industrialisierung die Umwelt so stark beeinträchtigt, dass sich der Gesundheitszustand der Bevölkerung verschlechtert. Zudem erweist sich der vermutlich human erzeugte Teil der Klimaerwärmung als eine planet-weite Allmendeverschlechterung, zu der Kohlekraftwerke, Erdgasabfackelung, Methan aus Rinderdärmen und Holzkohlen-Herdfeuer in unterschiedlichem Umfang beitragen.

Es ist offenkundig, dass Sorge um die globale Umwelt sowohl bei der Industrialisierung als auch beim Bevölkerungswachstum ansetzen sollte. Wer sanfte statt brutaler Industrialisierung fordert, sollte auch bevölkerungspolitische Maßnahmen unterstützen. Nur im Tandem macht beides Sinn. Beide gegeneinander aufzurechnen ist, global gesehen, sinnlos.

Was die Bevölkerung anlangt, wäre es in erster Linie die Aufgabe der Regierungen in armen Ländern, für einen besseren Ausgleich zwischen den Mikrointeressen der Familien und dem Makrobedarf der Allgemeinheit an Bewahrung der Umwelt und Ressourcenschutz zu sorgen. Leider sind die meisten Regierungen ein Teil des Problems, nicht der Lösung.

Bleibt zu fragen, wie das Wachstum der Bevölkerung in armen Ländern die Wirtschaft der reichen Länder tangiert. Bevölkerungen, die in wenig Handel treibenden Staaten leben und wegen ihrer Armut wenig Ressourcen verbrauchen, tragen auch wenig zum Welt-Sozialprodukt bei. Sie existieren quasi in einer Separatwelt.

Das ändert sich jedoch, sobald die jeweilige Regierung soweit Ordnung und Sicherheit im Lande geschaffen hat, dass eine offene, weltmarkt-orientierte Aussenwirtschaftspolitik möglich wird. Dann werden die Menschen an den globalen Wertschöpfungsprozess angekoppelt. Das geschah in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren mit rund einer Milliarde Menschen in Ostasien, Südasien und im ehemaligen Ostblock.

Eine Milliarde zusätzlicher Arbeitskräfte, die dank niedriger Löhne, primitiver Arbeits- und Lebensbedingungen und rasch steigender Qualifikation einen Großteil der industriellen und auch agrarischen Weltproduktion übernahmen. Die Eingliederung dieser Milliarde neuer Arbeitskräfte bescherte der Weltwirtschaft eine Dekade erstaunlich starken Wachstums.

Auch wenn dieses Wachstum durch eine globale Finanzkrise unterbrochen wurde, so kann das nur eine Atempause sein, denn die Qualifikation dieser neuen Arbeitskräfte durch Ausbildung und praktische Erfahrung am Arbeitsplatz nimmt so rasch zu, dass trotz allmählich steigender Löhne die Arbeitskosten (Stückkosten) weiter sinken. Dadurch werden diese Länder noch konkurrenzfähiger, als sie es heute schon sind.

Die Fähigkeit dieser Länder, industrielle Güter besonders preisgünstig herzustellen, hat der Weltwirtschaft eine Dekade niedriger Inflation trotz rapider Geldvermehrung beschert. Zahlreiche Konsumgüter und auch einige Investitionsgüter und Dienstleistungen sind so stark verbilligt worden, dass die weltweite Inflation gebremst wurde. Man dankt die Geldwertstabilität also den hohen Geburtenraten vieler dieser Länder vor zwei bis drei Jahrzehnten.

Daher könnte man die anhaltend starke Fruchtbarkeit der islamischen und afrikanischen Länder als eine mögliche Inflationsbremse der Zukunft, also der Jahrhundertmitte, ansehen. Allerdings dürften gesellschaftliche und religiöse Eigenarten dafür sorgen, dass der wirtschaftliche Aufschwung dieser Gebiete weit weniger turbulent ausfällt, als der gegenwärtige Aufstieg Ost- und Südasiens. Die bildungsmäßige und wirtschaftliche Aussperrung der Frauen aus der islamischen Gesellschaft wird zusammen mit der regelmäßigen Unterbrechung der Wirtschaftstätigkeit durch Fastenmonate dafür sorgen, dass sich diese Länder nur sehr zögernd in die Weltwirtschaft integrieren können.

Wer einmal dachte, das Bevölkerungswachstum in der Dritten Welt sei in erster Linie ein Problem dieser Länder und tangiere uns allenfalls als eine humanitäre Frage — Hunger, Kinderarmut, Slums — die von uns Entwicklungshilfe fordert, der muss nun erkennen, dass der weltwirtschaftliche Boom der jüngsten Vergangenheit ein Ergebnis dieses Bevölkerungswachstums ist, weil er vor allem von den erwachsen gewordenen Baby-Boomern dieser Länder getragen wurde..

Doch zusätzlich zu der bereits in die Weltwirtschaft integrierten Milliarde Menschen wartet nach Ansicht der Zeitschrift "Economist" eine weitere Milliarde potentieller Arbeitskräfte in Asien, Lateinamerika und Osteuropa auf die Chance, aus ihrer Separatwelt in die Weltwirtschaft überzuwechseln. Es ist also klar, dass das Angebot an billiger und billigster industrieller Produktion auf lange Sicht anhalten wird.

Die Integration der neuen Arbeitskräfte bewirkte mit zeitlicher Verzögerung auch einen Konsumschub. Die zusätzliche Milliarde Menschen produziert nicht nur, sie verbraucht auch, und zwar mit steigender Kaufkraft. Schon heute ist beispielsweise China der größte Automobilmarkt der Welt.

Der Zusammenhang zwischen dem Bevölkerungswachstum in armen Ländern und der Weltkonjunktur wird also immer enger. Die einstigen Separatwelten platzen, eine nach der anderen, wie reife Früchte und ergiessen ihren Segen in Form preiswerter Konsumgüter und ihren Schaden im Sinne des steigenden Verbrauchs global wichtiger und knapper Ressourcen.

Für die reichen Länder bedeutet das enorme wirtschaftliche Chancen einerseits und einen Macht- und Bedeutungsverlust andererseits. Vor allem aber endet für sie das Zeitalter der Ressourcen-Hegemonie. Von nun an muss geteilt werden, und nur die effizientesten Produzenten und die reichsten Verbraucher werden sich die verknappten Ressourcen leisten können. Ob wir dazu gehören werden?

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—— Heinrich v. Loesch